TEXTE SILVIA SIEMES
Kehren wir zurück zu den greifbaren Welterscheinungen und konzentrieren wir uns auf den Menschen und das Menschenbild unserer Zeit. Und wie ließe sich das besser vermitteln, als über eine zeitgenössische Bildhauerposition, die sich mit der Darstellung der menschlichen Figur beschäftigt. Obwohl man meinen könnte, dass die Möglichkeiten abbildender figürlicher Gestaltung durch die Tradition bereits längst ausgeschöpft sind, finden sich jedoch immer wieder Neuansätze, die sich vor allem über das Material und seine Behandlung aktuellen Ausdruck verschaffen. Auch hier ist eine Wahrnehmung mit allen Sinnen gefordert, die über das äußerlich Wahrzunehmende hinausgeht. Die Skulpturen von Silvia Siemes sollten daher nicht nur als plastisch-räumliches Ereignis verstanden werden, sondern in ihrer das Sichtbare
überschreitenden Wirkung. Die Künstlerin – sie lebt und arbeitet im südbadischen Tengen nahe der Schweizer
Grenze – , wurde zunächst an der Staatlichen Porzellanfachschule in Selb als Kerammodelleurin (! Berufsbezeichnung!) und Formentwerferin ausgebildet, anschließend studierte sie Bildhauerei an der Hochschule für Künste in Bremen. Sie gewann mehrere Jahre das Atelierstipendium des Landkreises Esslingen, war Stipendiatin der Zukunftswerkstatt Mariposa auf Teneriffa und erlangte zuletzt den Förderpreis der Nassauischen Sparkasse in Wiesbaden. Silvia Siemes formuliert ihre Figurationen im Augenblick eines Bewegungsmoments und mit zurückhaltenden Emotionen. Die Momentaufnahme ruft beim Betrachter instinktiv die Vorstellung einer Situation hervor. Es wird deutlich, dass keine ihrer Figuren alleine ist, und sie nicht nur für sich selbst stehen. Trotz ihrer Zurückhaltung in Gestus und Mimik vermitteln sie eine gewisse Anspannung, die eine Reaktion erwarten lässt, und sei es die des Betrachters. Die Blicke sind gerichtet, weniger in sich gekehrt. Die Posen unterscheiden sich: stehen, knien, sitzen, hocken in unterschiedlichen Ausrichtungen, ganz natürlich und selbstverständlich. Die Gesten bleiben verhalten, bleiben beim eigenen Ich. Nichts wirkt gekünstelt. Es sind junge, schöne Menschen mit wohlgeformten Körpern, die als Adoleszente am Ende eines Lebensalters stehen, in dem sich viel verändert, der individuelle Charakter gebildet wird. „Bleiben, Warten“ nennt Silvia Siemes eine Werkgruppe zumeist kleinformatiger Werke, von der mehrere Exponate hier zu sehen sind. Diese im Titel angedeutete abwartende Haltung zeigt sich auch im ernsten Ausdruck der Gesichtszüge. So lässt sich in diesen Figuren nicht ablesen, welche Gemütszustände sich anschließen werden. Zu diesem zurückhaltenden Eindruck trägt auch die Farbigkeit der Terrakotta bei. Siemes verzichtet auf Glasuren und im Prinzip auch auf Farbigkeit, denn sie engobiert ihre Plastik mit Schlicker, also mit einem Material, das aus dem Grundstoff Ton selbst hergestellt wird. Eine mit Wasser angerührte und gefärbte Tonmineralmasse wurde schon
im Altertum zum Bemalen von Keramik verwendet. Charakteristisch für diese Art der Fassung, die vor dem Brennen aufgetragen wird, ist eine matte, zurückhaltende Farbigkeit. Die graue, beige und weiße, manchmal teilweise auch in einem dunkelblauen Ton oder in Schwarz gehaltene Bemalung der Skulpturen unterstreicht ihre Zurückhaltung, die bis zu Introvertiertheit reichen kann. Im Unterschied zum großen Format lassen sich Körperbewegungen vor allem in der Kleinplastik finden, wo die Bewegungen des plastischen Materials Ton zusätzlich durch die Fassung mitbestimmt werden. Das heißt, die Farbe bestimmt die Form immer mit. Silvia Siemes ist in der Ausformung der lebensgroßen Figur mit dem Titel „Adam“ (2017) an die Grenzen des Machbaren gegangen. Die Skulptur ist aus drei Teilen zusammengesetzt.
Der Werktitel orientiert sich am hebräischen „Adama“ für Mensch, Mann. Wenngleich „Adam“ als Stehender in der Senkrechte ausgerichtet ist und auch beide Arme dieser Richtung folgen, lassen sich auf der Kleidung dynamische Bewegungselemente ausmachen, die der Statuarik entgegenstehen. Der große Hut ähnliche Kopfschmuck, der an die Kopfbedeckungen der Derwische erinnert, und die wie abgerissen
erscheinende, dreiviertellange Hose rücken die Figur von einer zeitgenössischen Darstellung ab. Trotz ihres jugendlichen Aussehens sind es keine „modernen“ Menschen, die Silvia Siemes darstellt. Über die Stilisierung des Menschentyps, der zeitlich nicht einzuordnenden
Kleidung sowie der Negierung porträthafter Züge wird die Figur entindividualisiert und zum Sinnbild für den Menschen ganz allgemein. So geht ihr „Adam“ zurück an die Ursprünge der Menschheit und soll nicht im christlichen Kontext verstanden werden. In ihrem Schönheitsideal erinnern mich manche ihrer Figuren an Renaissanceporträts, was vor allem an den Physiognomien liegt, der hellen, glatten Haut, dem hohen Haaransatz, der Unbestimmbarkeit des Blicks. In meiner letzten Rede hier zum Werk von Silvia Siemes, das war im Sommer vor vier
Jahren, damals in der Gegenüberstellung mit Gemälden von Elke Wree, habe ich einen Begriff benutzt, den ich hier unbedingt wieder aufgreifen möchte: die Anmut. In diesem Begriff stecken: Grazie, Harmonie, Ausstrahlung, Schönheit und auch Zauber. Ihr Material, der Ton, der sich mit den Händen so leicht und geschmeidig bearbeiten lässt, schmeichelt den Körperformen ihrer Figuren und lässt weiche (vereinzelt auch androgyne) Züge zu, die das juvenile Schönheitsideal der Werke von Silvia Siemes vermitteln. Diese Idealität lässt jedoch zugleich über die Wahrhaftigkeit der Erscheinungen des Lebens und seine Ambivalenz nachdenken. Und so beginnt Silvia Siemes ihr letztes Katalogbuch mit einem Zitat von Immanuel Kant (1724-1804): „Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?“ Diese Fragen stellt sich auch heute noch eine Gesellschaft, die aktuell u.a. über Schlüsselbegriffe wie Künstliche Intelligenz, Illusion, Freiheit und soziale Verantwortung diskutiert. In der zeitgenössischen Kunst – die diese Fragestellungen reflektiert – zeichnet sich gegenwärtig allerorten ein neuer Realismus ab. Auch das können wir in den beiden Positionen hier dieser Ausstellung in der Galerie Cyprian Brenner sehr gut wiederfinden. | Dr. Sabine Heilig
MERKMALE / STICHWORTE
2013 Keramikmuseum Westerwald – Preisträgerin „Figurativ – Skulptur in Keramik“
Förderpreis der Nassauischen Sparkasse
Einreichung von 388 Teilnehmern aus 45 Ländern
Begründung der Jury
Die Figuren von Silvia Siemes zeigen sich in reduzierter, sensibler Strenge. Hell und dunkel in der Farbigkeit, gradlinig und voller verinnerlichter Disziplin wird hier ein nachdenkliches Abwarten bildhauerisch thematisiert. Das Abwarten gilt dem Moment, in dem Schönheit, Wille und Körperlichkeit in Einklang gebracht sind. Assoziationen an archaische Göttinnen bieten sich. Die Betrachter sind konfrontiert mit einer androgynen Distanziertheit, die auf den ersten Blick sofort fesselt und beim zweiten Hinschauen fasziniert. In diesen Arbeiten gelingt ohne Frage eine Interpretation zeitgenössischer figurativer Kunst, geformt in Ton, ohne dass dieser im Vordergrund steht. Ein überzeugend vielschichtig dargestellter Abstraktionsprozess an der realistisch formulierten Figur wird erlebbar. Neben der technischen Herausforderung der Anfertigung einer fast lebensgroßen Figur gelingt Silvia Siemes eine souveräne, geradezu entspannte Übersetzung ins keramische Material.
AuszeichnungenAusstellungen
1960 geb. in Freiburg
1983 – 1987 Studium an der Staatl. Porzellanfachschule Selb, Ausbildung zur Kerammodelleurin und Formentwerferin
1987 – 1995 Studium der Bildhauerei an der Hochschule für Künste Bremen, bei Vehring, Otto, Altenstein
1995 – 1996 Meisterschülerin bei Prof. B. Altenstein
seit 2012 Lehrauftrag für Bildhauerei, Hochschule für Kunsttherapie Nürtingen
1996 Mitbegründung der Ateliergemeinschaft „Fabrik 84“ in Beuren bei Nürtingen
2003 1. Keramiksymposium, Gmunden, Österreich
2010 „Intonation“, Keramiksymposium, Deidesheim